Warum das Aufweichen des Verbrenner-Aus ein strategischer Fehler ist
Als jemand, der die Entwicklung der Elektromobilität seit Jahrzehnten begleitet, fördert und mit Überzeugung vertritt, blicke ich mit wachsender Sorge auf die aktuellen politischen Entscheidungen in Europa: Nicht aus ideologischen Motiven, sondern aus Erfahrung und aus tiefer Verbundenheit mit dem europäischen Automobilstandort.
Mit dem Klimapaket „Fit for 55“ hat die Europäische Union im Jahr 2023 ein klares und längst notwendiges Signal gesetzt: Ab 2035 sollten nur noch emissionsfreie Neuwagen neu zugelassen werden. Diese Entscheidung war weit mehr als ein klimapolitisches Bekenntnis. Sie war ein industriepolitischer Kompass. Ein verbindlicher Zielrahmen, der Planungssicherheit geschaffen, Investitionen kanalisiert und Innovationskraft gebündelt hätte.
Dass diese Regelung nun unter dem politischen Druck einzelner Mitgliedstaaten aufgeweicht wurde, halte ich für einen strategischen Fehler. Nicht, weil Übergangslösungen grundsätzlich falsch wären, sondern weil Europa damit erneut Unsicherheit erzeugt. Und Unsicherheit ist der stärkste Gegenspieler jeder technologischen Transformation.
Was dabei besonders nachdenklich stimmt: Wir kennen dieses Muster. Und doch scheint es schwierig zu sein, daraus konsequent zu lernen. Bereits in den 1980er-Jahren wurden japanische Hersteller wie Mazda, Honda, Toyota oder Subaru von vielen Marktteilnehmern in Europa unterschätzt – als zu klein, zu speziell, zu wenig „Europäisch“. Wenige Jahre später hatten sie sich durch Qualität, Zuverlässigkeit und Kundennähe nachhaltig etabliert.
Zur Jahrtausendwende zeigte sich ein ähnliches Bild mit Hyundai und Kia aus Südkorea. Auch hier wurden die Zeichen der Zeit zunächst zögerlich interpretiert – mit spürbaren Marktanteilsverschiebungen als Folge.
Heute stehen wir erneut an einem vergleichbaren Punkt. Diesmal mit Blick auf chinesische Hersteller. Wieder treffen historische Stärke, hohe Ingenieurskunst und beeindruckende Markentraditionen auf neue Wettbewerber, die mit anderen Entwicklungslogiken arbeiten. Die Realität ist dabei klar: Mit BYD steht heute ein chinesischer Hersteller bei rein elektrischen Fahrzeugen an der Weltspitze. Trotz hoher Zölle gelingt es immer mehr asiatischen Marken, sich erfolgreich am europäischen Markt zu positionieren – nicht aufgrund politischer Rahmenbedingungen, sondern aufgrund konkreter Fähigkeiten:
- sehr schnelle Entwicklungs- und Entscheidungszyklen
- konsequente Umsetzung von Kunden- und Produktanforderungen in der Fertigung
- eine Fertigungsqualität, die noch vor wenigen Jahren viele überrascht hätte
Diese Unternehmen richten ihren Blick konsequent nach vorne. Und genau darin liegt ein wertvoller Impuls – auch für Europa!
Europäische Hersteller und Vertriebspartner verfügen über enormes Know-how, starke Marken und jahrzehntelange Innovationskraft. Gerade deshalb sollten neue Marktteilnehmer nicht als Bedrohung verstanden werden, sondern als Benchmark: als Messlatte, die hilft, eigene Stärken weiterzuentwickeln und interne Prozesse zu beschleunigen. Wettbewerb war immer einer der stärksten Innovationstreiber Europas. Doch er entfaltet seine Wirkung nur dort, wo Veränderung möglich bleibt – nicht dort, wo man sich an Übergangslösungen festklammert.
Genau hier liegt meine Kritik: Das Aufweichen bereits beschlossener regulatorischer Leitplanken sendet das falsche Signal. Es bremst Investitionen, schwächt den Innovationsdruck und begünstigt jene Akteure, die ohnehin schneller entscheiden und handeln können. Wer Transformation ernst meint, muss Verlässlichkeit bieten: für Industrie, Forschung und Gesellschaft.
Elektromobilität ist längst kein Zukunftsthema mehr. Sie ist Gegenwart. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Europa diesen Weg geht, sondern ob es ihn aktiv gestaltet, oder gestalten lässt.
Ich freue mich auf einen offenen, sachlichen und auch kontroversen Austausch zu diesem Thema. Denn genau diese Diskussion brauchen wir jetzt dringender denn je.